Reise nach Korogocho

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  1. Korogocho: Wo Menschen sich selbst retten
    1. Mein Besuch im Slum der Wunder
  2. Ankunft im Slum der Wunder
  3. Die Selbsthilfegruppen – Gegenmacht von unten
  4. Was mich am meisten bewegt hat
  5. SlumChangers: Eine Bewegung wächst
  6. Mein Fazit: Eine andere Art zu sehen

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Meine Reise nach Korogocho – in den Slum der Wunder

Ich hatte mich schon auf vieles vorbereitet. Auf den Gestank der Dandora-Müllhalde, die direkt neben dem Slum liegt – einer der größten offenen Deponien Afrikas. Auf die engen Gassen, die Blechhütten, die erdrückende Enge. Auf das, was man eben erwartet, wenn man aus Europa nach Korogocho kommt, dem drittgrößten Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi, wo auf gerade einmal 1,5 Quadratkilometern schätzungsweise 150.000 bis 200.000 Menschen leben. Was ich nicht erwartet hatte: die Kraft. Die unglaubliche, lebendige, trotzige Kraft der Menschen, die hier leben.

Dawn in Korogocho
Dawn in Korogocho | Photo @ Tom Rübenach

Ankunft im Slum der Wunder


Der Name Korogocho stammt aus der Sprache der Kikuyu und bedeutet so viel wie „Schulter an Schulter gedrängt” – oder auch: Chaos. Wer einmal durch die engen Gassen gelaufen ist, versteht beides. Und doch: Das erste, was mir wirklich auffiel, war nicht das Elend. Es waren die Menschen, die mitten im Elend etwas aufbauten.

Ich hatte mich über den YouTube-Kanal @slumchangers auf die Reise vorbereitet – und über die Informationsseite korogocho.com, die ich nur empfehlen kann, wenn man sich seriös und nüchtern mit diesem Ort beschäftigen möchte. Was ich in den Videos gesehen hatte, schien mir fast zu gut, um wahr zu sein. Jetzt, vor Ort, musste ich meine Skepsis revidieren.

https://www.youtube.com/embed/qkfMBbunk5U?feature=oembed


Die Selbsthilfegruppen – Gegenmacht von unten


Korogocho ist ein Ort, dem man Hoffnung absprechen könnte. Hohe Arbeitslosigkeit, kaum funktionierende Infrastruktur, kein sauberes Wasser, schlechte medizinische Versorgung. Kriminalität und Drogenkonsum – vor allem Klebstoffschnüffeln bei Jugendlichen – sind reale Probleme. Wer in europäischen Städten aufgewachsen ist, kennt soziale Agonie als etwas Schleichendes, kaum Sichtbares. Hier ist sie sichtbar, greifbar – und trotzdem nicht das letzte Wort.

Denn Korogocho hat eine andere Seite: eine lebendige Gemeinschaft von Menschen, die sich nicht in die Agonie ergeben. Selbsthilfegruppen, Jugend-Initiativen, Women’s Groups, Community Based Organizations – sie sprießen hier aus dem Boden wie die Gemüsepflanzen, die die jungen Leute der Wakulima Youth Group (siehe Youtube-Video oben) mitten im Slum-Viertel Ngomongo anbauen. Urban Gardening – nicht als Lifestyle-Trend, sondern als Überlebensstrategie und Gemeinschaftsprojekt. Eine dreckige Hand hält ein Stück Natur. Und Zukunft.


Was mich am meisten bewegt hat


Ich besuchte eine Gruppe, die sich regelmäßig trifft, um gemeinsam über Sucht, Gewalt und den Ausweg zu sprechen. Keine Profis, keine NGO-Mitarbeiter. Menschen aus der Nachbarschaft, die wissen, was Chang’aa – der illegale Schnaps – anrichtet. Die wissen, was passiert, wenn Jugendliche keine Perspektive sehen. Die selbst oder deren Kinder davon bedroht sind.

Was diese Gruppen leisten, ist im klinischen Sinne vielleicht keine „Therapie”. Aber es ist echte Gemeinschaft. Zuhören. Gemeinsam denken. Sich gegenseitig Halt geben. Gegen die Vereinzelung, gegen die Scham, gegen die Stille, die sich in die Häuser frisst, wenn ein Vater oder eine Mutter den Kindern nichts anbieten kann.

Forschungen zu mentaler Gesundheit in Korogocho zeigen: Armut ist die Wurzel fast aller psychischen Belastungen hier. Aus Stress wird Depression. Aus Depression wird Hoffnungslosigkeit. Aus Hoffnungslosigkeit wird Gewalt – oder Rückzug in Drogen. Die Selbsthilfegruppen unterbrechen diesen Kreislauf. Nicht durch Geld. Durch Gemeinschaft.


SlumChangers: Eine Bewegung wächst


Der Kanal @slumchangers und das Netzwerk dahinter dokumentieren genau diese Realität: Menschen in Korogocho, die nicht warten, dass sich irgendjemand von außen um sie kümmert. Die selbst anpacken. Die Jugendliche aus der Kriminalität holen, indem sie ihnen Sport, Musik und Perspektive geben. Die Frauen organisieren, damit sie sich wirtschaftlich gegenseitig stärken. Die zeigen: Korogocho ist mehr als seine Probleme.

Der Verein SlumChangers befindet sich noch im Aufbau – aber die Idee dahinter ist klar: Wandel kommt von innen. Und die, die ihn vorantreiben, leben bereits dort.


Mein Fazit: Eine andere Art zu sehen


Ich bin als Europäer nach Korogocho gefahren mit dem leisen Schrecken, den so ein Ort auslöst, wenn man ihn nur aus Statistiken kennt. Ich bin zurückgekehrt mit Respekt. Tiefen Respekt für Menschen, die sich unter Bedingungen, die ich mir kaum vorstellen kann, weigern aufzugeben.

Korogocho ist der Slum, den sie auf korogocho.com treffend den „Slum der Wunder” nennen. Nicht weil dort keine Not herrscht. Sondern weil dort Menschen trotz Not Gemeinschaft bauen. Weil sie einander aufheben, statt sich dem Boden zu überlassen.

Wer verstehen will, was menschliche Widerstandskraft wirklich bedeutet, sollte sich den Youtube-Kanal ansehen. Und dann vielleicht selbst hinfahren.


Weitere Informationen: korogocho.com | YouTube.com/@slumchangers 

Dieser Beitrag entstand nach einem persönlichen Besuch in Korogocho, Nairobi, Kenia. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern gibt persönliche Eindrücke wieder.